Rettet die Kindheit!

Eltern erzählen, wie das Smartphone das Leben ihrer Kinder und das ihrer Familie verändert hat. Und was sie tun, um die Sucht in den Griff zu kriegen

27.02.2018

Illustration: P. M. Hoffmann
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„Sierig nach der digitalen Wundertüte“



Stellen wir uns ein zehn Jahre altes Kind vor, das eine Wundertüte besitzt, die ihm unbegrenzt Süßigkeiten liefert. Das Kind nimmt sie überall mit und kann sich jederzeit nach Herzenslust bedienen. Aus seiner Sicht gratis, denn die Eltern berappen einen niedrigen Fixbetrag im Monat, egal wie viele Schokosnacks, Gummibären und Traubenzucker sich das Kind herausholt. Es gibt wohl wenige Eltern, die ihrem Kind auf Dauer so eine süße Wundertüte anvertrauen würden: Spätestens wenn ihr Kind deutlich an Gewicht zunimmt und die Zähne sich verfärben, würden sie reagieren.

Die meisten Kinder verfügen heute ab dem Alter von etwa zehn Jahren über etwas, das mindestens gleich süchtig machen kann wie ein Süßigkeiten-Füllhorn: ein Smartphone. Fast alle erfolgreichen Handy-Apps sind darauf ausgerichtet, dass wir nach ihnen genauso „sierig“ werden wie nach Süßigkeiten. Glückshormone wie Oxytocin durchströmen uns, wenn es viele Likes für einen Instagram-Post oder die richtigen Emojis als Antwort auf eine Whatsapp-Nachricht gibt. Die digitale Wundertüte in den Händen unserer Kinder verschafft ihrem Gehirn ständig die Möglichkeit, den hormonellen Kick zu suchen.

Wenn Kinder und Teenager ohne Einschränkung diesem Kick nachlaufen, schadet es ihnen auf vielfältige Weise, wie einschlägige Studien zeigen. Sie sind Inhalten ausgesetzt, die sie nicht allein verarbeiten können; sie sind in ihrer gesamten Wachzeit mit der Frage über ihre Position in der Peergroup – und damit potenziellem Sozialstress – konfrontiert; sie machen zu wenig Bewegung; sie tun sich schwer, sich über längere Strecken auf eine Sache zu konzentrieren; und sie verschieben als Teenager wichtige Erkundungen der „echten“ Welt (wie ihre ersten Romanzen) auf später. Letztlich legen Daten aus den USA nahe, dass dort für den Anstieg von depressiven Symptomen unter Kindern und Jugendlichen die Smartphone-Nutzung zumindest mitverantwortlich ist. Und dass diejenigen Kinder signifikant glücklicher sind, die maximal eine Stunde am Tag mit dem Handy verbringen.

Warum fällt es vielen Eltern so schwer, die Wundertüte Handy richtig zu dosieren? Erstens ist das Smartphone ein Gratis-Babysitter; wir gewinnen noch mehr Zeit dafür, uns unseren eigenen Verpflichtungen oder Vergnügungen zu widmen. Zweitens zeigen die Studien, dass das Smartphone die Kinder ja in den eigenen vier Wänden hält und sie von der Welterfahrung abhält – wir genießen, dass sie erst mit 15 statt mit 13 den ersten Partner daherbringen und sich nicht dauernd in der gefährlichen Welt draußen herumtreiben. Drittens wollen wir ganz sicher nicht als die uncoolen Eltern dastehen, die als Einzige bei ihren Kindern einschränken, was offenbar alle anderen tun dürfen. Und viertens: Wir müssten selbst unser Verhalten ändern, um als glaubwürdige Vertragspartner in einem Smartphone-Nutzungs-Deal mit unseren Kindern gelten zu können. Ändern heißt natürlich: weniger nutzen – eine schmerzhafte Vorstellung.

All dies macht Scheitern in der digitalen Erziehung verständlich, aber nicht entschuldbar. Eine Smartphone-Nutzung, die auf die seelische Integrität und das langfristige Wohlbefinden unserer Kinder achtet, zahlt sich aus. Ein paar Anregungen aus der Praxis. 1. Fangen Sie bei sich selbst an. Bringen Sie Ihr Handy in Gegenwart ihrer Kinder so oft wie möglich außer Hör- und Sichtweite. Lesen Sie Ihre E-Books und Zeitschriften auf einem anderen Gerät als ihrem Smartphone (oder steigen Sie wieder mehr auf Papier um). 2. Legen Sie fixe „Handyzeiten“ fest. Wichtig ist, dass Sie dabei das Gerät an sich nicht verteufeln – damit karikieren Sie vermutlich ihr eigenes Verhalten, zeigen aber jedenfalls ihren Kindern, dass Sie die Bedeutung von Apps im Alltag dieser Generation nicht erfasst haben. 3. Definieren Sie No-go-Zonen für die Smartphones: Die zwei wichtigsten sind das Esszimmer während der gemeinsamen Mahlzeiten und die Schlafzimmer. Die Geräte übernachten am besten gemeinsam im Wohnzimmer. 4. Das steht nicht im Widerspruch dazu: hin und wieder über die Stränge zu schlagen, ein verregneter Vormittag mit Minecraft verzockt, die Hälfte einer langen Zugfahrt mit Snapchat und Instagram verplempert – was soll’s. 5. Beschäftigen Sie sich mit den Inhalten, die ihre Kinder auf Smartphones konsumieren – und zwar bis zu dem Alter, bis zu dem Sie auch Mitsprache haben wollen, welche Kinofilme Ihr Nachwuchs besucht. Untersagen Sie Plattformen wie Tellonym, auf denen Nutzer einander anonym alles – und deswegen auch Dinge wie Suizidaufforderungen – an den Kopf werfen können. 6. Wappnen Sie sich gegen Laissez-faire-Argumente von Eltern (und auch Lehrern): „Die Kids sollen es selbstverantwortlich lernen.“ Suchen Sie Verbündete, die gemeinsam mit Ihnen riskieren, sich unbeliebt zu machen, indem sie das allabendliche Einsammeln von Handys im Schulskikurs fordern. 7. Nutzen Sie die Gelegenheit, Ihre Kinder in einer Expertenrolle wahrzunehmen. Viele junge Nutzerinnen und Nutzer kennen sich in der digitalen Welt (oder zumindest Teilen davon) ausgesprochen gut aus und erklären Ihnen vermutlich gerne, wie Sie sinnvolle Whatsapp-Settings einstellen oder die Batterielebensdauer verlängern. Ein auf Augenhöhe geführter Diskurs über das Digital Life in den eigenen vier Wänden ist Gold wert.

Der Autor: Christoph Hofinger leitet zusammen mit Günther Ogris das Sora-Institut und ist Vater zweier Vertreterinnen der „iGen“, der ersten Generation, die das Smartphone durchgängig durch ihre Teenagerjahre begleitet

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In: FALTER 7/18

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