Mama, Papa, Mamas Freund und seine Kinder

Das Geheimnis von Nähe und Distanz: wie das Leben als Patchworkfamilie gelingen kann

15.01.2018

Illustration: Bianca Tschaiker
ANZEIGE



Wenn Mario* seine Familie erklärt, dann dauert das schon ein paar Minuten. Aus der ersten Ehe mit Brigitte* hat der Angestellte zwei Töchter mit fünf und acht Jahren. Jetzt ist er in einer Lebensgemeinschaft mit Bettina*, die ihrerseits die elfjährige Julia* aus erster Ehe in die Beziehung mitbrachte. Julia sieht ihren Papa regelmäßig; die Treffen zu organisieren ist allerdings nicht ganz einfach, da er im Tourismus arbeitet und viel unterwegs ist. Zusammen haben Mario und Bettina nun noch zwei Söhne, die drei Jahre und ein Jahr alt sind. „Und jetzt kommt der Super-GAU“, setzt Mario noch eins drauf und grinst: „Meine Eltern sind geschieden und die von Brigitte auch.“

Patchworkfamilien wie jene von Mario sind inzwischen zahlreich. Gemeint ist damit eine Partnerschaft, bei der mindestens ein Partner ein oder mehrere Kinder mit in die Beziehung bringt. Laut „Familien in Zahlen 2015“, herausgegeben vom Österreichischen Institut für Familienforschung, gab es 2014 in Österreich 65.503 Patchworkfamilien, in denen zumindest ein Kind aus einer früheren Beziehung in den Haushalt mitgebracht wurde. Das waren knapp neun Prozent aller Paare mit Kindern unter 18 im Haushalt. Dazu kommen noch all jene – statistisch schwer fassbaren – Konstellationen, in denen die Kinder zum Beispiel bei der Mutter leben, ihren Vater (und dessen neue Freundin) aber regelmäßig besuchen.

Für Patchworkfamilien gelten wohl dieselben Regeln und Fallstricke wie für alle anderen auch – und dazu noch etliche mehr. Allerdings bieten diese Konstellationen auch neue Möglichkeiten.

Christine Trausner kennt sie alle. Sie berät bei der österreichweit aktiven NGO Rainbows in Graz Eltern, die sich trennen, und leitet Gruppen mit betroffenen Kindern. Auch aus dem eigenen Leben kennt sie die Situation, ihr Partner hat Kinder aus der früheren Beziehung. Was Patchworkfamilien brauchen, fasst sie so zusammen: „Zeit, Geduld, das Runterschrauben der Erwartungen. Klarheit. Und immer wieder reden, das wird sowieso unterschätzt.“

Zuallererst beschäftigen Patchworkeltern dieselben Themen wie alle Eltern, die sich trennen: zum Beispiel die Schuldgefühle der Kinder. Eltern ist meist nicht bewusst, dass die meisten Kinder sich für das Beziehungs-Aus ihrer Eltern verantwortlich fühlen. Auch Mario musste da erst draufkommen. Als er zu seiner älteren Tochter sagte: „Wir haben dich immer lieb, und du bist nicht schuld“, sah er eine Riesenerleichterung in ihrem Gesicht.

Beraterinnen empfehlen weiters: dass der andere Elternteil so weit als möglich einbezogen wird und es rasch klare Kontaktregelungen gibt. „Die Kinder sollten nicht in einen Loyalitätskonflikt kommen“, sagt Silke Höflechner-Fandler, pädagogische Leiterin bei Rainbows Österreich. Für das Kind soll klar sein, dass es kein schlechtes Gewissen zu haben braucht, wenn es den anderen Elternteil vermisst.

Gleichzeitig sollten Eltern keine Zweifel aufkommen lassen: Das eine ist die Mama-Welt und das andere die Papa-Welt. Nur weil die beiden etwas gemeinsam unternehmen, heißt das nicht, dass sie wieder ein Paar werden. Auch dieser Wunsch werde unterschätzt, weiß Trausner: Selbst Teenager hofften oft nach Jahren noch, dass die Eltern irgendwann doch wieder zusammenkommen.

Mario sagt, gleich nach der – von ihm ausgelösten – Trennung sei es „hardcore-emotional“ zugegangen. Da auch noch gute Eltern abzugeben, das sei schon schwierig. Die Töchter blieben vorwiegend bei ihrer Mutter, Brigitte, wohnen; Mario hielt aber von Anfang an engen Kontakt.

Heute läuft es so ab: Jedes zweite Wochenende verbringen die Mädchen das Wochenende bei Mario und seiner Partnerin. In den Ferien bleiben sie gleich für mehrere Wochen. „Die Brigitte“, sagt Mario über seine geschiedene Frau, „ist noch so entspannt, dass ich einmal pro Woche bei ihr in der Wohnung schlafen und die Kinder ins Bett bringen kann.“ Damit er möglichst viel Alltag mit ihnen teilen könne. Brigitte ist dann nicht in der Wohnung, sondern bei ihrem neuen Freund. Was Mario mehrmals sagt: „Ich habe das Glück, dass alle Beteiligten wirklich lieb sind. Und deshalb geht es auch.“ Zusammenraufen müssen aber auch sie sich.

Die Schweizer Psychotherapeutin Claudia Starke und der Kinderpsychiater Thomas Hess haben zusammen mit der Journalistin Nadja Belviso „Das Patchwork-Buch. Wie zwei Familien zusammenwachsen“ geschrieben. Sie stört, dass diese Art des Zusammenlebens „von Film und Fernsehen als bunte Bereicherung für alle Beteiligten dargestellt wird. In Wahrheit“, sagt sie, „ist die Bildung einer solchen Familie eine große Herausforderung, die allen Beteiligten eine ungeheure Arbeit abverlangt.“

In ihre Praxen kämen verzweifelte Stiefmütter, die „plötzlich merken, dass zwischen ihnen und ihrem Stiefkind Hassgefühle entstanden sind, obwohl sie all ihre Energie und Aufmerksamkeit in die Patchworkfamilie gesteckt haben. Männer, die mit aller Kraft den Ansprüchen als Stiefvater gerecht werden wollten, verloren dabei die Frau, die sie liebten.“ Die Autoren warnen daher: Stürzt euch nicht zu schnell und zu unvorbereitet in dieses Abenteuer! Gelingen könne es sehr wohl – doch man müsse die Stolpersteine kennen.

Nach ihrer These entstehen viele Probleme gerade daraus, dass die meisten Menschen sich so sehr nach einer intakten Familie sehnen würden. „Deshalb ziehen sie oft viel zu schnell mit den neuen Partnern zusammen; deshalb tun alle in der Patchworkfamilie so, als ob sie eine Kernfamilie wären.“

Den Faktor Zeit betont auch Bestsellerautor Jesper Juul, der natürlich auch zu diesem Thema ein Buch herausgebracht hat: „Aus Stiefeltern werden Bonuseltern“, heißt es. Er will das Positive dieser Lebensform betonen. Das Timing sei schon beim Kennenlernen wichtig. Die oder der Neue sollte eines mitbedenken: Verliebt sich die Mutter/der Vater neu, dann kann das Kind dies nach der Trennung seiner Eltern als weiteren Verlust erleben – es spürt, dass es nun nicht mehr allein im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht. Juul: „Es ist von entscheidender Bedeutung, dass die Kinder so viel Zeit bekommen, wie sie brauchen.“

Die Pädagoginnen von Rainbows kennen das aus ihrer Arbeit mit Kindern. Die sagen etwa: „Die neue Freundin ist eh lieb – aber sie nimmt mir den Papa weg.“ Und dann sind da vielleicht auch noch neue Kinder! „Oft kommt es zur Konkurrenz zwischen den Stiefgeschwistern“, weiß Silke Höflechner-Fandler. Umso wichtiger sei es, dass Eltern weiterhin ausreichend Zeit mit ihren leiblichen Kindern verbringen und nicht so tun, als stünden alle in derselben Beziehung zueinander.

Manchmal freilich überstürzen sich die Ereignisse. Bei Mario und seiner neuen Freundin stellte sich sehr rasch Nachwuchs ein. Innerhalb von zwei Jahren bekam das Einzelkind Julia vier neue Geschwister. Und ihre Mutter musste damit umgehen, dass sie nicht nur zwei Kleinkinder hatte, sondern auch zwei neue Töchter zur Familie gehörten.

Das Wichtigste für das Gelingen einer Patchworkfamilie sei, „dass man die Handlungen und Reaktionen der anderen Beteiligten nachvollziehen kann“, schreiben die Autoren des „Patchwork-Buchs“. Juul rät deshalb zur wöchentlichen Familienkonferenz: Jeder soll sagen können, wie es ihr oder ihm gerade geht. „Manche Kinder und Jugendliche wollen zwar nicht reden“, sagt Trausner, „trotzdem ist es wichtig, dass sie das Angebot bekommen, dass Eltern vermitteln: Mir ist wichtig, wie du das alles findest.“

Doch was jemand an- und ausspricht und wie, da bringt jeder seine Eigenheiten und Familientraditionen mit. „Ich bin eher resch aufgewachsen“, sagt Mario, daran habe sich Bettina erst gewöhnen müssen. In der Patchwork-Konstellation könne man aber gar nicht lang herumreden und sich in Andeutungen ergehen: „Dazu sind’s zu viele Leute.“

Zusammenraufen mussten er und Bettina sich bei der Frage, wie eng die „alte“ und die „neue“ Familie denn zusammenwachsen sollten. Mario hat am liebsten alle Kinder um sich, auch im Urlaub. Bettina schreckte die Vorstellung von Ferien mit fünf Kindern ab. Also buchte sie kurzerhand eine Reise für sich und ihre Kinder. Ohne dies abzusprechen. Mario, meinte sie, könne mit seinen Töchtern ja nachkommen. „Das war so kränkend“, sagt Mario. Der Urlaub fand zwar so statt wie von Bettina geplant, in Zukunft werde das aber anders sein. Das will und glaubt jedenfalls Mario.

Es ist also besonders für „Stief“väter und -mütter schwierig, ihre Rolle zu finden. Bekommen sie selbst Kinder mit dem neuen Partner, wünschen sich manche mehr Distanz. Andere wieder haben den Drang, den neuen Vater oder die Ersatzmutter zu spielen, und stoßen meist auf überschaubare Gegenliebe. „Gerade am Anfang sollten sich Patchwork-Mamas und -Papas in die zweite Reihe stellen“, rät daher Trausner.

Wenn auch noch die leiblichen Eltern aus schlechtem Gewissen dem Kind nun viele Freiheiten einräumen und stattdessen die oder der Neue die Erzieherrolle übernimmt – dann fehlt nicht mehr viel zur Eskalation, warnt Juul. Dann schreit nicht nur der Jugendliche „Du bist nicht mein Vater!“, dann schreien einander auch die Erwachsenen an. Der Idealfall schaut laut Juul so aus, dass der „Bonusvater“ oder die „Bonusmutter“ irgendwann zum guten Erwachsenenfreund wird, der sein „Bonuskind“ auch einmal auf eine Pizza einlädt und sich seine Probleme anhört.

Manchmal besteht die Lösung eben auch darin, dass man wieder mehr auf Distanz geht. Helene* (16) zum Beispiel entstammt Jürgens* zweiter Ehe. Zusammen mit ihren zwei Geschwistern lebt sie abwechselnd bei ihrer Mutter und ihrem Vater. Und damit auch bei dessen dritter Frau, die mit Jürgen nun ein kleines Kind hat.

Wie sehr ihre „Stief“mutter unter der Situation litt, dass ihr alles zu viel wurde, das ahnte Helene nicht. Bis zu jenem Weihnachtsabend, an dem sie alles rausschrie. Auch was sie an den Stiefkindern störte. Dann rannte sie aus dem Zimmer.

„Sie hat uns nie gesagt, wie es ihr geht“, sagt Helene. Klar war nach diesem Tag jedenfalls, dass es so nicht weitergehen konnte. Das Paar setzte einen harten Schnitt: Jeder von ihnen bewohnt nun ein eigenes Stockwerk. Die Frau mit dem kleinen Kind das eine, Jürgen, teils mit den drei Größeren, das andere.

„Wenn man nur schaut, was schwierig ist, findet man viel“, sagt Mario, „aber es geht schon.“ Manche Konflikte würden sogar weniger: Seine beiden Töchter streiten viel mehr, wenn sie zu zweit sind. Kommen auch die drei neuen Geschwister dazu, kehrt plötzlich Friede ein.

* Die Namen aus den geschilderten Familien wurden geändert

In: FALTER 1–2/18 von Gerlinde Pölsler


© 2018 Falter Verlagsgesellschaft m.b.H. | Impressum/Offenlegung | Mediadaten