Und wenn die Katze der Uropa ist?

„Dem Papa ist jetzt aber ordentlich kalt da unten! Wann wacht er wieder auf?“ Wie Kinder über das Sterben denken, wie sie trauern und wie Eltern zu Allerheiligen über Sterben, Tod und Abschied reden sollten

31.10.2017

Illustration: Bianca Tschaikner
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Was ist eigentlich tot? Die Kinder dieser Grazer Volksschule überlegen nicht lange, die Ideen sprudeln nur so aus ihnen heraus. „Tot ist aus!“, sagt ein Neunjähriger, sieht aber offenbar doch noch ein Licht: „War der Tote gut, besteht er seine Prüfung, die jeder Mensch machen muss. Er kommt wieder auf die Erde und alles fängt von vorne an.“

„Nein, er lebt im Himmel weiter“, widerspricht eine Erstklässlerin. „Es ist gut, wenn der tote Mensch da ist. Mein Opa. Er ist nicht richtig da, man kann mit ihm nicht mehr telefonieren, aber man kann sich an seine Worte erinnern, man hört sie mit dem Kopf, mit dem Herzen.“ „Die Toten sind alle gleich viel wert, die Lebenden nicht“, ist eine Neunjährige überzeugt.

Dieses Gespräch mit Kindern hat Daniela Camhy geführt. Sie leitet das Grazer Institut für Kinder- und Jugendphilosophie, in Schulen, Kindergärten oder im Kindermuseum erzählen ihr Kinder, was sie über das Sterben denken. Oft schneiden die Kinder es von selbst an, auch wenn das ursprüngliche Thema ein anderes war. „Freundschaft“ zum Beispiel.

Halloween, Allerheiligen, überhaupt der Herbst bieten viele Anlässe, mit Kindern über das Sterben zu reden. Wenn es nicht ohnehin ein Ereignis gibt, das es unvermeidlich macht: weil die Katze gestorben ist oder gar der Bruder, die Mama.

Viele Erwachsene sind sich unsicher: Was sollen Kinder in welchem Alter wissen, was würde sie überfordern? Ab wann erfassen sie überhaupt, was „tot“ bedeutet?

„Kleine Kinder sind ja neugierig. Wenn sie eine tote Maus sehen, würden sie sie am liebsten sezieren“, sagt Silke Höflechner-Fandler. Als pädagogische Leiterin des Vereins Rainbows arbeitet sie seit Jahren mit Kindern und Jugendlichen, die den Tod eines nahestehenden Menschen verwinden müssen. Sie wünscht sich, dass Kinder von klein auf selbstverständlich mit dem Thema aufwachsen – dann ist es leichter für sie, wenn sie tatsächlich mit einem Trauerfall konfrontiert sind. „Man kann die kindliche Neugier nutzen. Ob man über einen Friedhof geht, ein totes Tier auf der Straße sieht oder das Kind auf ein Begräbnis von jemandem mitnimmt, dem es nicht so nahe stand: Das Leben bietet genügend Anlässe, um Abschied zu nehmen.“

Die Philosophin Daniela Camhy trifft beim Gespräch mit den Kindern auf eine große Bandbreite an Vorstellungen vom Tod, geprägt von unterschiedlichen Kulturen. „Die meisten Kinder sind der Überzeugung, dass es auch nach dem Tod in irgendeiner Weise weitergeht.“

Dass man zum Beispiel als Tier wiedergeboren wird. Ein Kind erzählte: „Ich habe eine Katze bekommen und dachte, das sei mein Uropa. Daher habe ich ihr seinen Namen gegeben.“ Und den Kindern ist wichtig, dass die Toten jedenfalls dann noch da sind, wenn sich jemand an sie erinnert.

Manchmal merkt Camhy den Kindern an, dass der Tod in unserer Gesellschaft tabuisiert wird. „Erwachsene sind oft peinlich berührt und wissen nicht, wie sie mit den Kindern darüber sprechen sollen.“ Da ersetzen Eltern flugs den verstorbenen Goldfisch, um dem Kind Schmerz zu ersparen. „Aber das Kind muss ja lernen, mit Verlust umzugehen“, sagt Camhy.

Wichtig für das Reden mit Kindern findet die Philosophin, dass die Erwachsenen sich mit ihren eigenen Gefühlen auseinandersetzen. Sie brauchen nicht immer Antworten parat zu haben. Das Kind fragt vielleicht: „Was kommt nach dem Tod?“ Dann, sagt Camhy, könne man ganz ehrlich sagen: „Ich weiß es nicht, ich denke auch darüber nach.“ Vor allem sollen Eltern zurückfragen, was die Kinder selber glauben. „Wir sollten uns auf das Denken von Kindern einlassen, wir können auch von ihnen lernen.“

Wie Kinder in verschiedenen Altersstufen an das Thema Tod herangehen, ist im Bilderbuch „Die besten Beerdigungen der Welt“ gut beschrieben. Drei Kinder finden eine tote Hummel, sie begraben sie und sind ab jetzt vollauf damit beschäftigt, toten Tieren würdige Begräbnisse zu bereiten. Dem Kleinsten in der Runde, Putte, macht das Bemalen der Grabsteine am meisten Spaß. Als Hamster Nuffe unter die Erde soll, sagt Putte: „Wenn es Nuffe besser geht, graben wir ihn wieder aus.“

Die Endgültigkeit des Todes können Kinder meist erst ab dem Volksschulalter erfassen, sagt Silke Höflechner-Fandler von Rainbows. Kleinere wollen noch Essen ins Grab legen oder glauben: „Dem Papa ist aber jetzt ordentlich kalt da unten.“ Auch Camhy hört von Jüngeren immer wieder den Glauben, irgendwie könne man Tote schon wieder lebendig machen. Vielleicht, wenn wer den Sarg aufmacht?

Die wichtigste Botschaft ist beim Verein Rainbows für alle Altersgruppen dieselbe: „So schmerzlich es für Vater und/oder Mutter ist, dem Kind den Tod eines Menschen mitzuteilen, so wichtig ist es für das Kind, dass es diese Nachricht direkt, sofort und klar bekommt.“ Nur so kann es trauern; nur so fühlt es sich ernst genommen und in die Trauer der anderen eingebunden.

„Sie sollten auch wirklich Begriffe wie Tod und Sterben verwenden“, betont Höflechner-Fandler. „Unabhängig vom Alter sollten alle Kinder erfahren, dass der tote Mensch nie mehr wiederkommt und nicht mehr lebendig wird; dass sein Leichnam in der Erde begraben (oder zu Asche verbrannt) wird; dass der Tod früher oder später zu allen Lebewesen kommt und dass es natürlich ist, traurig zu sein.“

Das klingt vielleicht hart. Verharmlosende Umschreibungen können aber erst recht Missverständnisse und Ängste auslösen. „Wenn sie sagen, ‚die Oma ist sanft eingeschlafen‘, kann das Kind Angst bekommen, dass es selbst aus dem Schlaf nicht mehr aufwacht.“ Erklärt man kleinen Kindern: „Wir haben den Opa verloren“, kann es passieren, dass die ihn buchstäblich suchen gehen – denn etwas Verlorenes lässt sich doch wiederfinden. Details müsse man nicht beschreiben, doch genaue Formulierungen sind wichtig. Wer sagt: „Sie ist im Krankenhaus gestorben“ und nichts Weiteres erklärt, gibt dem Kind mit, dass man aus dem Krankenhaus nicht lebend herauskommt.

Kinder trauern anders, das ist für Eltern wichtig zu wissen. Erwachsene sind manchmal irritiert: Warum lacht das Kind so herzlich, kurz nachdem seine Mutter gestorben ist? Das sei aber typisch: Während Erwachsene im „Trauersee“ baden, springen Kinder in „Trauerpfützen“. Sind sie im einen Moment todtraurig, können sie im nächsten schon wieder ausgelassen spielen. Das sei ein Selbstschutz des Kindes, sagt Höflechner-Fandler, und es ist wichtig, dass das so sein darf. So kommt es auch, dass Kinder nicht immer gerade dann zum Reden bereit sind, wenn die Erwachsenen das möchten, sagt Daniela Camhy. Eltern sollten sich dann Zeit dafür nehmen, wenn für das Kind der Moment gekommen ist.

Manche Eltern kommen zu Rainbows mit dem Gefühl, ihr Kind leide nicht besonders darunter, dass seine Mutter oder sein Vater gestorben ist. Das muss nicht bedeuten, das etwas mit dem Kind nicht stimmt. Manche Kinder entwickeln zum Beispiel psychosomatische Beschwerden, haben mehr Bauchweh oder Symptome, die mit dem Tod des geliebten Menschen zu tun haben: „Ist jemand etwa an einem Herzinfarkt gestorben, haben Kinder plötzlich auch Herzweh.“

Im Jugendbuch „Ist das Leben eine Abfolge einzelner Punkte?“ beginnt der Bub, dessen Vater verstorben ist, auf einmal andere Kinder zu schlagen und zu treten. Auch das – Wut und Aggression – sind typische Reaktionen. Andere lassen sich überhaupt nichts anmerken, weil sie die Erwachsenen schützen wollen.

„Das Kind traut sich vielleicht nicht, eine Frage zu stellen, weil es weiß: Die Mama fängt zu weinen an.“ Das heißt nicht, dass die Großen ihre Trauer verbergen sollen – die Kleinen würden ohnehin merken: Da stimmt etwas nicht. Dann könnte Unterstützung von außen angebracht sein. Wie beim Verein Rainbows zu Beispiel.

Dort können die Kinder alles sagen und fragen, ohne Rücksicht nehmen zu müssen. Manchmal wird die ganze Familie betreut, manchmal ein einzelnes Kind, und außerdem gibt es Gruppen, in denen sich Kinder treffen, bei denen Mama oder Papa gestorben sind. Dort basteln und malen sie und befüllen Erinnerungsschachteln.

Von der „Himmelsschnur“ nimmt Joey-Lena eine von der Rainbows-Begleiterin vorbereitete Frage herunter. Das Mädchen erzählt, woran es sich erinnert, wenn es an ihre verstorbene Oma oder den verstorbenen Papa denkt. „Also bei der Oma ist immer gleich die Sonne aufgegangen“, sagt Joey-Lena. Später wird sie bei einem Spaziergang an der Mur zwei Luftballons steigen lassen, einen für Oma und einen für Papa.

Auch ihre Schuldgefühle können Kinder hier loswerden. Gerade im Vorschulalter, wenn sie sich in der „magischen Phase“ befinden, glauben sie oft, sie selbst hätten durch ihre Gedanken jemandes Tod ausgelöst. „Ich habe mir gewünscht, dass meine Schwester tot ist, und jetzt ist sie tot“, lastet da untragbar schwer auf kleinen Schultern. Oder: „Weil ich so schlimm war, ist die Mama gestorben.“

Philipp ist elf, er war schon bei Rainbows und sagt jetzt: „Auch wenn mir die Oma sehr fehlt, bin ich manchmal wütend, dass sie tot ist. Meine Betreuerin hat mir erklärt, dass das sein darf.“ Die Kinder zertreten zum Beispiel Luftballons, um die Wut rauszulassen. Die achtjährige Lena weiß jetzt: „Ich darf die Mama immer liebhaben, auch wenn sie schon lange tot ist.“

Es geht viel ums Dürfen, ums Gefühlezulassen. „Jeder hat das Recht, so zu trauern, wie ihm zumute ist“, sagt Höflechner-Fandler. Das Kind darf traurig und wütend, aber auch fröhlich und unbeschwert sein, darf einfach spielen und an etwas anderes denken. Trauernde Kinder brauchen auch trauerfreie Räume. So wie es auch innerhalb von Paaren oft Unverständnis gibt – warum arbeitet die schon wieder so viel, warum lässt der sich so gehen –, so gibt es das auch zwischen Erwachsenen und Kindern.

Neben all der Erinnerung und dem Zurückschauen ist auch die Zukunft ein wichtiges Thema. Die Zukunft wird gut, das soll das Kind wissen, vielleicht ganz anders als erwartet, aber gut. „Denn eines ist klar“, sagt Höflechner-Fandler, „in uns allen steckt die Fähigkeit, den Tod zu verarbeiten.“

In den „Besten Beerdigungen der Welt“ ist das Besingen und Begraben der toten Tiere für die Kinder lange Zeit ein Spiel. Als plötzlich vor ihren Augen eine Amsel stirbt, werden sie Zeugen des Übergangs vom Leben zum Tod, und auf einmal ist alles anders.

Die Kinder sind bestürzt, traurig, sie weinen. Doch dann passiert etwas in ihnen und sie wenden sich wieder dem Hier und Jetzt zu: „Am nächsten Tag machten wir dann etwas ganz anderes.“

In: FALTER 44/17 von Gerlinde Pölsler


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